Preisverleihung 2014

Werkzeug für Männer mit Demenz

Die Designerin Annina Gähwiler entwickelte Werkzeuge für Männer mit Demenz. Dafür hat sie am Freitag, 10. Januar 2014 von der Stiftung Sonnweid den Preis „Die zweite Realität“ erhalten.

Eine Messinghülse mit Gewinde und Holzgriff. Ein zweifach gewinkeltes Stahlblech, das an die Halterung eines Rades erinnert, darin ein aufgewickeltes Lederband. Silikonringe in verschiedenen Farben. Ein Kuhhorn mit Gewinde: Was ans Tageslicht kommt, wenn man die Holzbox mit der Aufschrift „WerkZeuge“ öffnet, ist faszinierend und (scheinbar) sinnlos. Hat hier jemand die Archetypen der Mechanik über das Zufallsprinzip neu kombiniert und zur Nutzlosigkeit degradiert?

Als Betrachter verspürt man unweigerlich den Drang, die merkwürdigen Gegenstände in die Hand zu nehmen, sie zu betasten, zu drücken, zu drehen und zu hören. Ehe es einem bewusst wird, hat man minutenlang damit gespielt. Man folgt einem ähnlichen Drang wie jene alten Männer, die tagein tagaus aufs Meer hinausblicken und dabei unablässig mit ihren Rosenkränzen hantieren.

Sinnlich-meditative Aktivierung

Die Objekte, die Annina Gähwiler im vergangenen Jahr ersonnen und gestaltet hat, sollen Männer mit Demenz zum sinnlich-meditativen Spielen anregen. Herkömmliche Werkzeuge würden diese Männer überfordern, weil deren (falscher) Gebrauch zu Frusterlebnissen führt. Mit Gähwilers Objekten hingegen kann man nichts falsch machen. Sie haben weder feste Aufgaben noch Funktionen. Sie sind einfach da.

Gähwiler schloss mit der Arbeit „WerkZeuge“ (englisch: „Nuts on Circles“) das Studium zum Master of Design Products am Londoner Royal College of Arts ab. Der Ursprung dazu liegt in einer theoretischen Auseinandersetzung. „Ich befasste mich mit der Frage, was ein authentisches Produkt ist“, sagt Gähwiler. „Was macht seine Essenz aus, was unterscheidet das Original von der Kopie? Nach welchen Referenzen beurteilen wir es? Ich fragte mich, wie Menschen, die aufgrund einer Demenz keine Referenzen mehr haben, ein Produkt beurteilen.“

Prototyp für Biobauer

Gähwiler eignete sich Wissen über Demenz an und absolvierte ein Praktikum in der Sonnweid. Dabei lernte sie einen Bewohner kennen, der früher Bauer gewesen war. Auf ihn sollte die erste Serie der WerkZeuge zugeschnitten sein. Die 32-Jährige Zürcherin interviewte seine Angehörigen und besuchte seinen Hof. Dort fand sie unter anderem ein Barometer, das er täglich abgelesen hatte. Es bestand aus Nussbaumholz und Messing – zwei Materialien, die nun im WerkZeuge-Kasten vertreten sind. Auch der schmiedeiserne Schlüssel zur Stalltür hat sie zu einem Objekt inspiriert. Ein Kuhhorn und Fell finden sich ebenfalls im Sortiment. Mittlerweile hat die Designerin in spezialisierten Schweizer Werkstätten eine erste Serie produzieren lassen, die von der Stiftung Sonnweid vorfinanziert wurde. Die Stiftung übernimmt auch den Vertrieb der WerkZeug-Kisten.

Den Preis „Die zweite Realität“ hat Annina Gähwiler am 10.01.2014 in Wetzikon in Empfang genommen. Er ist mit 10‘000 Franken dotiert und wird dem Projekt Auftrieb geben. „Dies ist ein Zeichen, dass es sich lohnt, in dieses noch weitgehend freie Feld vorzustossen“, sagt Gähwiler. „Ich finde es wichtig, dass damit ein Statement abgegeben wird zum Thema Demenz.“ Den Preis vergibt die Stiftung alle zwei bis drei Jahre. 

Zur Website der Preisgewinnerin